Schenkel, Schlitz und Federspitz
Eine Reportage übers Schönschreiben

Im Zeitalter der Digitalisierung wird nur noch auf Tastaturen getippt oder auf Screens getoucht. Uns steht eine unendliche Auswahl an vorgefertigten Computerschriften zur Verfügung. Doch welchen Wert hat heutzutage die Handschrift noch? Das Schreiben mit Feder und Tinte. Ich wage den Selbstversuch das Schönschreiben zu lernen.

 

Eine Reportage von Ramona Witting

Montagmorgen. Ein stressiger Wochenstart. Wie immer. Am Wochenende wieder nichts für die FH gemacht. Hastig tippe ich in die Tastatur. Ich muss meinem Dozenten noch schnell eine E-Mail schreiben, mit der Bitte um ein weiteres Coaching. Fast zeitgleich eine Whatsapp-Nachricht von meiner Schwester: „Was gibt‘s heute zu Mittag?“. Das auch noch. Ich antworte sofort: „Spaghetti Bolognese“. Ich öffne meine Notiz-App und schreibe auf, was ich noch einkaufen muss. Ich gehe gleich los. Schon wieder hätte ich fast eine angerempelt, weil sie nur in ihr Smartphone starrte. Duckface. Ach, wahrscheinlich ist sie grade auf der Suche nach dem besten Snapchatfilter. So kommuniziert man heute. Gestellte Bilder, kurze Texte.

Immer wieder fällt mir auf, dass sich Handgeschriebenes nur noch in wenigen Winkeln des Alltages finden lässt – wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Der Einkaufszettel, ein gekritzeltes Erinnerungs-Post-it am Schreibtisch und vielleicht noch die Urlaubspostkarte von Oma, erinnern an die Zeit, in der jeder immerzu Stift und Zettel parat hatte. Doch warum sollte man es sich unnötig schwer machen, wenn es Tastaturen gibt? Wenn ich am Computer etwas gestalte, kann ich mich zwischen abertausenden vorgefertigten Schriften entscheiden. Und wenn die richtige noch nicht dabei ist, kann ich mir ja noch eine weitere downloaden. Also gibt es überhaupt noch Gründe von Hand zu schreiben?

Dienstagabend. Man kann den Frühling schon riechen. Ein ruhiger Abend in Bürs, eine kleine Gemeinde im Vorarlberger Oberland. Okay, in Bürs ist es eigentlich immer ruhig. Besonders in der Bibliothek. Doch da ist heute etwas los. Ich besuche dort einen Kalligrafiekurs. Hier bezahlen Menschen doch tatsächlich Geld dafür, dass sie schön schreiben lernen. Gibt’s so was? Doch auch das ist ein Symptom: Das Schreiben mit der Hand ist im Laufe der Zeit ein Hobby geworden. 10 Damen lernen hier vom Vorarlberger Kalligrafen Anton Pichler eine moderne Interpretation der Kursive und die Englische Schreibschrift. In drei Abenden zur eigenen Schönschrift. Alle sind sehr konzentriert und lauschen den Anweisungen von Toni, wie sie ihn ganz vertraut nennen. Er schreibt ihnen vor und die Kursteilnehmerinnen versuchen die einzelnen Buchstaben nachzuzeichnen. Was ist das für ein Geräusch? Da wird eine Feder geschliffen, weil sie auf dem Papier kratzt. Hier und da wird neidisch das Kunstwerk der Nachbarin betrachtet. Doch sie geben sich auch gegenseitig Tipps. Das kleine a besteht aus 3 Teilen: Zuerst der Grundstrich so hoch wie die x-Höhe mit einem kleinen Endstrich, dann folgt der Bauch und erst zum Schluss die Schulter, die alles vervollständigt. Nebenbei erzählt Toni über verschiedene Schreibwerkzeuge und wissenswertes über Tinte, Tusche und Wasserfarben. Eigentlich kann man alles zum Schreiben verwenden. Sogar Kaffee. Toni macht seine Tinte selbst. Nur aus natürlichen Farben. Zum Beispiel braune Tinte aus Nussschalen.

Anton Pichler, Kalligraf

Hilde Winter, Kursteilnehmerin
Edith Wehinger, Kursteilnehmerin

Mittwochmorgen. Ich bin noch ganz inspiriert von dem was ich am Vorabend erlebt habe. Woher bekomme ich Federhalter, Spitzen und Tinte? Welches ist ein geeignetes Papier für Anfänger? Ich habe mich für einen geraden Federhalter und einen Obliquen, zum kursiv schreiben, entschieden. Außerdem sind Spitz-, als auch Breitfedern in meinem Warenkorb gelandet. Bei der Tinte wähle ich die Higgins, eine Wasserfeste Kalligrafie-Tinte, die eine Bloggerin empfohlen hat. Beim Papier sei es am Anfang am einfachsten, wenn es möglichst glatt ist, da die Federspitze nicht so leicht hängen bleiben kann. Es muss schnell gehen. Mir kribbelt es in den Fingern. Premiumversand.
3-2-1-Los!

Auf diversen Onlineplattformen konnte ich unzählige Tutorials für Kalligrafie Anfänger finden. Modern Calligraphy, Gothic Calligraphy oder doch Humanist Script? Am meisten überzeugt hat mich die Plattform Skillshare. Und so wie die das erklären, hört sich das ganz einfach an. Durchschnittlich gehen die Erklärvideos eine Stunde. Das kann doch nicht so schwer sein, oder? Bevor man anfängt zu schreiben, sollte man sich überlegen welche Schriften man schreiben will, um auch das passende Werkzeug parat zu haben. Ich habe eh von allem etwas bestellt. Das sollte eine gute Grundausstattung sein. Man bekommt ja viele Begriffe um die Ohren geworfen. Lettering. Brush Lettering. Kalligrafie. Das ist doch alles Handschrift, oder?

Online Tutorials:
Modern Calligraphy
Gothic Calligraphy
Humanist Script

Erklärung Begriffe: Handschrift, Hand Lettering, Brush Lettering und Kalligrafie

Donnerstagnachmittag. Endlich ist mein Paket angekommen. Sofort pack ich alles aus. Eine Federspitze nach der anderen wird am Federhalter festgemacht, in die tiefschwarze Tinte getunkt und sogleich etwas aufs Blatt geschmiert. Naja, also auf dem Blatt sehe ich jetzt noch kein Kunstwerk. Aber meine Finger. Schwarz. Wahrscheinlich sollte ich mir doch zuerst ein Erklärvideo anschauen, um so zu erfahren, wie das genau funktioniert.

Also die Federspitze sollte man nicht zu tief in die Tinte tunken. Die Tinte wird im Reservoir gespeichert. Beim Schreiben übt man leichten Druck auf die Spitze aus, so öffnet sich der Federschlitz und die Tinte gleitet über die Spitze aufs Papier. Je nachdem wie fest man drückt, kommt mehr oder weniger Tinte raus. So die Theorie. Ich sehe nur schwarze, viel zu dicke Striche, die auf dem Papier verlaufen. Eine riesen Sauerei. Reservoir leer. Auftanken und noch einmal von vorne. Man soll mit dem ganzen Arm schreiben, nicht nur mit den Fingern. Nach einer Weile hat man den Dreh so langsam raus. Merke aber schon wie meine Finger und mein Unterarm anfangen zu schmerzen. Wohl noch etwas zu verkrampft.

Freitagmorgen. Computer an. Federn, Tinte, Küchenrolle und Wasser. Alles bereit. Aber zuerst noch ein schwarzer Tee. Bin schon ganz gespannt auf die erste Unterrichtseinheit. Ist ja ganz schön praktisch. Ich kann mir meinen Lehrer und das Fach selbst aussuchen. Riesen Auswahl. Gar nicht so einfach sich zu entscheiden. Ich versuche es mit dem Kurs „Calligraphy for Beginners“ von Jackson Alves. Er ist Letterer, Kalligraf und Lehrer aus Brasilien. Seine Kurse sind auf Englisch, wie die meisten Tutorials. Der Kurs besagt, dass man die fundamentalen Techniken von Kalligrafie erlernen wird, die helfen werden schöne Buchstaben zu kreieren. Hört sich gut an, ich fühl mich angesprochen. Es handelt sich hier um eine moderne Interpretation der humanistischen Minuskel aus dem 15. Jahrhundert und der Foundational aus dem frühen 20. Jahrhundert. Zunächst Aufwärmübungen. Striche. Gerade Striche. Gerade? Wenn man die Stiftspitze im 35° Winkel halten muss, ist es gar nicht so leicht einen geraden Abwärtsstrich zu ziehen. Es folgen diagonale Linien, Vierecke und Kreise. Um den richtigen Winkel leicht wieder finden zu können, zeichne ich ihn mir in die oberste Ecke des Blattes. Schritt für Schritt erklärt Jackson Alves wie man die einzelnen Buchstaben zeichnet. Zuerst die Kleinbuchstaben, dann die Versalien. Ich höre und schaue aufmerksam zu. Drucke mir seine Vorlage aus. Doch das geht mir alles viel zu schnell. Ich drücke auf Pause. Versuche es selbst.

TIPP

Wenn die Tinte mit Seife nicht abgeht, dann einfach Zahnpasta zum Händewaschen benutzen. Auch die Feder selbst kann man so reinigen. Spitzfeder kurz abschrubben, anschließend mit einem feuchten Tuch reinigen.

 

 

 

 

 

 

 

 
 

Freitagabend. „Ramona, Essen ist fertig. Kommst du?“ Meine Mutter reißt mich aus meinem Flow. Wie viel Uhr ist es? Ich hab die Zeit komplett vergessen. Den ganzen Tag hab ich versucht Buchstabe für Buchstabe zu zeichnen. Einen nach dem anderen. Einer unterschiedlicher als der andere. Aber Übung macht den Meister. Aber Achtung Suchtgefahr! Ich hab auch angefangen ganze Wörter zu schreiben. Manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich. Ab und zu sind die Buchstaben so weit auseinander, dass man nicht einmal erkennt, dass es sich um ein Wort handelt. Also hole ich mir Bleistift und Radiergummi zur Hilfe. Sieht doch gleich besser aus. Aus Wörtern werden Sätze. Mit der Zeit ist mir nicht einmal mehr so sehr wichtig, dass die einzelnen Buchstaben perfekt aussehen. Ein ganzer Satz ohne Fehler. Kein Buchstabe ausgelassen. Keiner vertauscht. Glücksgefühle. Ich genieße die Ruhe in meinem Büro. Weit weg von Smartphone und jeglichem Alltagsstress. Nur die Buchstaben und ich. In Gedanken male ich mir schon aus, was ich alles mit den wunderbaren Zeichen verschönern könnte. Einladungen, Dankeskarten oder vielleicht doch einmal wieder einen Brief versenden? Auf Sozialen Netzwerken suche ich nach Inspiration. Also üben, üben, üben.
Ach ja, und essen.

  #calligraphy

Mittwochnachmittag. Immer wieder öffne ich mein Übungsheft. Blättere durch. Betrachte meine Kunstwerke. Nach ein paar Tagen kann man schon eine Entwicklung erkennen. Viele Stunden hab ich bereits geschrieben. Was jetzt eigentlich? Schreiben oder zeichnen? Also ich würde sagen, die einzelnen Buchstaben werden gezeichnet. Da man ja auch die Abläufe einhalten muss. Mehrere Buchstaben aneinander gereiht, die Wörter und Sätze bilden, ist dann aber schon schreiben. Allerdings ein ganz bewusstes schreiben. Nicht so wie die Handschrift, die ohne große Überlegungen von unserer Hand gleitet. Sieht auch meist danach aus. Hingefetzt. Einfach nicht wertgeschätzt. Ich persönlich achte jetzt mehr darauf wie und was ich schreibe. Ich bin auch ganz erstaunt wie schnell man die Grundzüge von kalligrafischen Schriften erlernen kann. Allerdings kann ich auch ganz ohne Experten erkennen, dass man in dieser kurzen Zeit keine Kalligrafie lernen kann. Um auf die altbewährte, historische Art schreiben zu können, dauert es Jahre. Das kann man sich auch nicht selbst beibringen. Wenn man das lernen möchte, sollte man definitiv Kurse von Profis besuchen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass man sich Fehler einlernt. Wie eine falsche Federhaltung. Doch wer einfach hier und da mal wieder von Hand etwas verzieren möchte, für den sind die Videos ganz sicher das Richtige. Generell ist das Schönschreiben, auch ein sehr preiswertes Hobby. Für ca. 15 Euro bekommt man die Grundausstattung. Und man kann sich dann einfach neue Werkzeuge dazu kaufen. Wird bestimmt nicht langweilig. Ich freue mich schon auf das nächste Tutorial.
Ich bleibe dran. Auf jeden Fall.

Ramona

DANKE!

Anton Pichler, Hilde Winter, Edith Wehinger und Isabel Witting