Living in a box
Eine Reportage über die eigenen vier Wände.

Ist wohnen noch leistbar, oder müssen wir bald alle in Gartenhäuser ziehen? Wäre das eigentlich so schlimm?

Eine Reportage von Fabrizio Pritzi

„Wohnen wie im Urlaub“ titelt die Anzeige über der 50 m² großen zwei Zimmer Wohnung im Vorarlberger Örtchen Lochau am Bodensee. Kostenpunkt: € 290.000,-. Darunter dieselben Worte, diesmal mit drei Zimmern und 85 m² für günstige € 763.000,-. Beste Lage und Seesicht sind garantiert! Die BP Tankstelle, welche sich derzeit auf dem Gelände befindet, wird laut Projektbeschreibung auf „sensible“ Art und Weise in die „Selbstbewusst am Fuße des Pfänderhangs“ liegende Wohnidylle integriert. Kurzer Gehaltscheck zu meinem Verdienst als angehender Mediengestalter, ernüchterndes Grunzen und die Frage wie ich als leicht adipöser, ehemaliger Raucher wohl die etwa 120 Jahre überleben soll, die ich arbeiten müsste, um mir eine der Wohnungen über der sensibel integrierten Tankstelle leisten zu können.

 

Eine Alternative muss her!

 

Tagesschau.de: „Wohnen in Großstädten wird immer teurer, die Quadratmeterpreise steigen. „Als Architekt kann ich da nur noch die letzte Karte ziehen und die Wohnungen kleiner machen“, sagt der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel.“ Le-Mentzel hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wohnen wieder leistbar zu machen und ist DER Vertreter der sogenannten „Tiny House Bewegung“ in Deutschland. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um möglichst kleine Wohngelegenheiten, oft auf Rädern oder im Stil eines Kleingartenhauses, welche zudem im Idealfall mit einem reduzierten Lebensstil gepaart sind. Ziel ist es den ökologischen Fußabdruck der Bewohner auf die Größe einer fair produzierten und aus recycelten Plastikflaschen bestehenden Babysandale zu reduzieren. *Hust* Hippiegefahr?

 

Schnell die klischeehaften Bilder von Schlaghosen, Trommelkreisen und Rainer Langhans wallender Mähne im Winde beiseiteschieben! Wer lebt tatsächlich tiny und ist das etwa die Zukunft des Wohnens?

Wohnen in Großstädten wird immer teurer, die Quadratmeterpreise steigen. „Als Architekt kann ich da nur noch die letzte Karte ziehen und die Wohnungen kleiner machen“

Van Bo Le-Mentzel

Ortswechsel nach Bregenz, immer noch in Vorarlberg. Die Wohnung liegt im vierten Stock und die Kisten sind schwer, Gott sei Dank funktioniert der Lift – umziehen ist scheiße! Alex ist 23 Jahre alt, alleinstehend, festes Einkommen, keine Haustiere und Nichtraucher. Seine neue Heimat auf Mietbasis: 40 m² für € 650 pro Monat, immerhin mit separatem Badezimmer und Küche! Laut Statistik ist er damit ganze 4,6 m² unter dem österreichischen Durchschnitt (Stand 2016). Viel mehr ist mit einer abgeschlossenen Lehre als Einkäufer momentan nicht drin. Alex ist vorerst aber zufrieden, denn immerhin steht nach zwei Tagen schon die Internetverbindung und der 50 Zoll Fernseher hat den Umzug unbeschadet überstanden. Als tiny würde er seine neue Bleibe nicht bezeichnen, eher als zweckmäßig. Ein paar Quadratmeter mehr würde er trotzdem nicht ablehnen, dann wäre vielleicht auch noch Platz für einen Esstisch.

Etwas anders sieht es bei Angelina aus, sie ist stolze Bewohnerin eines Hauses im Miniformat. 35 m² stehen zur Verfügung und es fehlt ihr an nichts. Wohnzimmer, Küche, Bad und Schlafzimmer, alles vorhanden und schön voneinander abgetrennt, wie in einem normalen Haus, nur eben etwas kleiner als sonst. Laut Angelina aber immer noch fast zu groß! Sie möchte noch weiter reduzieren, angefangen mit einem Haufen Klamotten auf dem kleinen Regal im Schlafzimmer. „Davon kommt sicher noch die Hälfte weg, die hab ich eh nie an“, erklärt sie. Tiny Housing in Perfektion! Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind tatsächlich sehr wichtige Themen für Angelina, doch diese sind für sie eher Teil eines modernen und zeitgemäßen Lebensstils, als irgendwelche Weltverbesserungs-Fantasien. Auch die Entscheidung überhaupt in ein Tiny House zu ziehen war eher eine zweckmäßige, € 430 Miete inkl. Betriebskosten in der Dornbirner Innenstadt (Das Vorarlberger äquivalent zu einer angesagten Modemetropole) sprechen eben für sich.

Dritter und letzter Ortswechsel: Ein matschiger Feldweg vorbei an einem ausgehölten Bauernhaus, hinter eine kleine Scheune im ländlichen Hohenweiler. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so geil ist!“, verkündet Uwe stolz als er die kleine Pfanne mit zusammenklappbaren Griff wieder zurück an ihren genau ausgemessenen Platz in der Schublade legt. Gute Planung und Kreativität sind essenziel um eine Dreizimmerwohnung auf die Fläche eines Wohnwagens zu komprimieren. Uwe erzählt er sei schon immer ein Tüftler gewesen und habe als kleiner Junge schon Kissenburgen gebaut in denen er sich anschließend „häuslich“ einrichtete. Eigentlich wollte er immer ein Haus bauen, als er dann aus seiner alten Wohnung auszog und sich übergangsmäßig eine neue Bleibe suchen musste, fiel das Wort „Dauercamping“. Der zuerst wenig beachtete und von allen belächelte Gedanke wuchs schnell zu einer handfesten Idee. €21.000, diverse Umbauarbeiten und ein Soundsystem auf Disco Niveau später, haben sich Uwes Prioritäten grundlegend geändert. Die einstige Übergangslösung ist zum festen Heim geworden, jedes zweite Wochenende sogar für bis zu drei Personen, denn da kommt sein neunjähriger Sohn Aaron, meist in Begleitung eines Freundes, zu Besuch. Jegliche Skepsis ob ein Wohnwagen wohl ein passendes Zuhause für einen neunjährigen ist wird spätestens beim Anblick des passgenau zugeschnittenen Spielteppichs den Uwe extra anfertigen hat lassen ausgeräumt. Für Aaron und seine Freunde sei es wie ein Urlaubswochenende auf dem Campingplatz erklärt Uwe grinsend. Eine solche Lebensweise sei aber sicher nichts für jeden gibt er zu.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so geil ist!

Fakt ist, dass Wohnraum immer knapper wird und die Mieten weiter steigen werden. Es drängt sich also die Frage auf: Müssen wir uns bald alle mit weniger Wohnraum abfinden, oder nach alternativen Wohnkonzepten suchen?

Beim Blick auf die Vorarlberger Fachmesse für Bauen und Wohnen „Com:Bau“ zeigt sich, dass „Tiny Living“ noch kein Thema ist. Unzählige Stände mit innovativen Energiesystemen und nachhaltigen Bautechniken vermitteln aber überdeutlich das Gefühl, dass der Trend vom durchdachten und ökologisch sinnvollen Wohnen vollends in der Baukultur angekommen ist. Ob dieser neue Hang zur Nachhaltigkeit schlussendlich auch zu einem Umdenken im Hinblick auf unseren persönlichen Platzbedarf führt wird sich zeigen.