Offene Worte im geheimen Kreise

Schwärzlers feiner Literatursalon

Sonntagabend. Am Eingang des Hotels tauchen feine Herrschaften auf. Höfliche Begrüßungen und vielsagende Blicke werden ausgetauscht. Ein ganz normales Restaurant in einem gewöhnlichen Hotel verwandelt sich peu à peu in einen lebhaften Raum intensiver Unterhaltungen.

 

 

Eine Reportage von Eva Horn (herunterladen)

Offene Worte im geheimen Kreise

Schwärzlers feiner Literatursalon
Was hat denn Literatur mit einem Salon zu tun?
Wer bei einem Salon an Westernfilme oder den Friseur denkt, liegt weit daneben.

Die Geschichte des Literatursalons oder auch literarischen Salons, geht zurück bis ins 16. Jahrhundert und diente damals dem freien Ideenaustausch, ungeachtet der Schranken von Klasse und Geschlecht, politischer Zugehörigkeit und Herkunft. Zur Sicherheit fanden diese Veranstaltungen meist in privaten Räumlichkeiten statt. Genau diese gesellschaftliche
Zusammenkunft möchte das Hotel Schwärzler wieder aufgreifen und veranstaltet „Schwärzlers feinen Literatursalon“.

Sonntagabend. Ich ziehe mir eine Winterjacke an. Es ist kalt und bereits dunkel. Knappe zehn Minuten bin ich mit dem Auto unterwegs. Die Straßen sind wie leer gefegt. Das wundert mich nicht, es ist 18 Uhr, Zeit fürs Abendessen. Ich parke mein Auto auf einem Parkplatz, es sind nur wenige Schritte. Obwohl es bereits März ist, scheint der Frühlingsanfang noch weit entfernt zu sein. Ich sehe ein großes rotes Haus mit goldenen Buchstaben vor mir, sie leuchten im schwachen Licht der Laternen. Hotel Schwärzler. Ich schaue mich um. Die Kälte beschleunigt den Gang der vorbeilaufenden Menschen, die Köpfe sind tief im Kragen verborgen und die Blicke gesenkt. Vielleicht fühlt es sich aufgrund der Nähe zum See besonders kalt an hier in Bregenz, der Landeshauptstadt von Vorarlberg, dem westlichsten Bundesland Österreichs. Vor dem Eingang des Hotels Schwärzler tauchen fein gekleidete Herrschaften auf. Ein gewöhnliches Hotel könnte man meinen, es muss einen besonderen Grund geben für dieses abendliche Zusammenkommen. Höfliche Begrüßungen und vielsagende Blicke werden ausgetauscht. Ist das hier ein geheimes Clubtreffen? Gibt es eventuell ein Passwort, das ich aufsagen muss, um eintreten zu dürfen?

Die Eingangshalle im Hotel Schwärzler.

Etwas angespannt und mit Argwohn betrachte ich dieses Aufeinandertreffen und sehe bei genauerem Hinsehen freundliche Gesichter, die sich wohl bereits kennen und schnell vor der Kälte ins Innere des Hotels flüchten. Ich folge unauffällig und mit etwas Abstand. Der Hoteleingang ist gemütlich und einladend, bisher sehe ich noch nichts ungewöhnliches. Laut der Hotelbroschüre werden hier regelmäßig Seminare und Geburtstage gefeiert, vielleicht bin ich hier auch einfach nur bei einer privaten Party gelandet? Ich sehe mich kurz um. Neben mehreren Leseecken ist das Hotel rustikal eingerichtet mit einem satten Rot als Hausfarbe. Ich sehe die Gruppe im Foyer plaudern und werde direkt von einem Kellner angestrahlt. Er nimmt mir Jacke und Schal ab, stattet mich mit einem Begrüßungsdrink aus und führt mich in die Richtung der Menge. Woher weiß er, dass ich dazugehöre? Da nun alle weniger vermummt sind, sehe ich die einzelnen Personen und Gesichter besser. Vereinzelt Männer. Viele Frauen, allesamt ordentlich herausgeputzt und adäquat gekleidet. Ich befinde mich in einer Gruppe von knapp 20 Personen, die um kleine Stehtische verteilt, vornehm Konversation betreiben und sich kleiner Häppchen bedienen.

Ich bekomme nur Wortfetzen mit, aber man freut sich auf das Wiedersehen und ist gespannt auf den Überraschungsgast. Der Sekt bringt Farbe in die Gesichter und gelegentlich ertönt lautes Gelächter. Ein leises Räuspern. Gastgeberin und Direktorin des Hotels, Susanne Denk, stellt sich vor und begrüßt alle sehr herzlich. Nach den kurzen Worten leitet sie die Gruppe vom Eingangsbereich an der Bar vorbei hinein in das Restaurant Babenwohl, benannt nach dem Schloß Babenwohl in Bregenz, in welchem sich heutzutage die Vorarlberger Landes-
bibliothek befindet. Ist das vielleicht ein erster Hinweis?

Hunderte kleine Lichter in der Decke. Sie spiegeln sich in den nobel gedeckten Tischen und verbreiten ein angenehmes Licht. Insgesamt vier lange Tische mit vier bis acht Gedecken stehen im Raum. Direkt am Eingang und somit am Kopf des Saales wurde ein kleines Rednerpult aufgestellt. Hier liegt bereits etwas in Zeitung gewickelt. Der Form nach ein dickes Buch. Nicht nur ich versuche unauffällig einen Blick darauf zu erhaschen, jedoch wurde hier gute Arbeit geleistet und mir fallen nur abgegriffene, ausgeblichene Seitenränder auf. Aus einigen Zeitungsartikeln und aus dem Internet habe ich erfahren, dass an jedem Abend eines Literatursalons ein Überraschungsgast als Redner aus einem, für die Gäste geheimen Buch seiner Wahl liest und damit Raum für Diskussionen und Erfahrungen rund um das Buch und den Redner entsteht.

Dies ist nicht der erste Literatursalon. Ich bemerke entspannte und gediegene Gespräche, neben nervösen Gesten und schüchternen Blicken. Ich gehe davon aus, dass heute einige neue Teilnehmer dabei sind, die noch nicht wissen, was hier passieren wird. Eine Frau, sichtlich ohne Begleitung, stellt sich höflich ihren Sitznachbarn vor. Ihr ist nicht ganz wohl. Sie weiß nicht, ob sie sich an den Gesprächen beteiligen soll oder doch besser still wartet bis etwas passiert. Ist sie die geheimnisvolle Rednerin?
Sie zupft etwas unbehaglich an ihrer Kleidung und ihrer Frisur. Ich gehe die verschiedenen Gesichter durch und erahne unterschiedlichste Geschichten, Lachfalten, tiefes Stirnrunzeln und Nervostität überwiegen. Ein Mann steht auf, unterbricht die leichten Gespräche und stellt sich als Hubert Dragaschnig, Leiter des Theater Kosmos in Bregenz vor. Ausführlich erzählt er das Konzept des Literatursalons und bedankt sich bei Susanne Denk und Wolfgang Mörth, einem österreichischen Schriftsteller, für die Zusammenarbeit und die Weiterführung des Salons. In Begleitung eines Vier-Gänge-Gourmetmenüs wird immer zwischen den Gängen gelesen und diskutiert. Soweit so gut, aber wer ist denn nun der Überraschungsgast? Ist ein bekanntes Gesicht unter den Anwesenden?

Stefania Pitscheider Soraperra, Leiterin des Frauenmuseum Hittisau

Der Name fällt. Lauter Applaus erfüllt den Raum und die Leiterin des Frauenmuseums Hittisau Stefania Pitscheider Soraperra steht auf. Sie ist eine bekannte Kunst- und Architekturhistorikerin und der Überraschungsgast des Abends. Als Leiterin des einzigen Frauenmuseums in ganz Österreich, spielt Frau Pitscheider Soraperra eine besonders wichtige Rolle in gesellschaftskritischer Hinsicht. Ist es Zufall, dass so viele Frauen an der Veranstaltung teilnehmen? Nach der Vorspeise tritt sie an das kleine Rednerpult und beginnt ohne viel Zeit zu verlieren, aus dem Buch vorzulesen.

Ich vergesse die Menschen um mich herum. Die Zeilen nehmen mich mit in eine andere Zeit, es geht um Krieg, um die verschiedenen Gesellschaftsschichten und Kinder und ich bemerke, wie der ganze Raum von ihren Worten gefüllt, sich auf diese Zeitreise begibt. Einige sind konzentriert und versuchen zwischen den Zeilen etwas herauszuhören, andere blicken gebannt zum Rednerpult oder nicken wissend mit dem Kopf.

Inflation.
Kinderschändung.
Notstand.

Starke Worte fallen. Inflation. Kinderschändung. Notstand. Bis auf leises Klirren der Gläser traut sich keiner, auch nur laut auszuatmen. Die Geschichte beruhigt sich. So auch die Anwesenden. Selbst die nervöse Dame hat sich inzwischen sichtlich entspannt und nippt genüsslich am Wein, während sie den Kopf zur Seite neigt, um besser zu zuhören zu können.

Nach ungefähr 20 Minuten beendet Frau Pitscheider Soraperra ihre Lesung, da wird schon der nächste Gang serviert und angeregtes Diskutieren wechselt sich mit nachdenklichem Schweigen ab. Da der Redner nun bekannt ist, wird heftig gerätselt, um welchen Autor oder welche Autorin und um welches Werk es sich handeln könnte. Mit Hubert Dragaschnig als Moderator werden Hinweise diskutiert, Epochen anhand des Schreibstils festgemacht und bereits erste Autorenvorschläge genannt. Selbst die Initiatoren der Veranstaltung scheinen keine Ahnung zu haben. Wolfgang Mörth vermutet, dass sich das Buch inhaltlich um den 1. Weltkrieg bewegt. Die Sprache ist seiner Meinung nach jedoch zeitgenössisch und eher weiblich. Daraufhin melden sich einige zu Wort, wie schwer es sei, das Geschlecht des Autors anhand des Schreibstils festzumachen. Trotz der Eingrenzung, gibt es noch keine Idee wer die Autorin sein könnte. Ein weiterer Gast schaltet sich ein. Es könne aufgrund einiger typischer Begriffe eine österreichischen Autorin sein. Allgemeine Zustimmung erfüllt den Raum. „Zumindest nicht Deutsch“ ruft ein älterer Herr. Die Leute diskutieren weiter. Ohne Ergebnis. Als kleiner Anreiz zum intensiven Nachdenken verschenkt das Theater Kosmos und auch das Frauenmuseum für denjenigen, der als erster den oder die Autor/in nennt, zwei Eintrittskarten. Und schon ist die Masse wieder eifrig und lautstark am Diskutieren. Doch der richtige Name ist noch nicht dabei. Mir fällt auf, dass sich kaum jemand zurückhält, der ganze Salon ist bestimmt von eifrigem Rätseln.

Wer ist denn nur der Autor des Buches?

Ein weiterer Hinweis. Die Vermutung einer gebürtigen, weiblichen Österreicherin war korrekt. Eine Dame am gegenüberliegenden Tisch überlegt laut vor sich hin „Könnte es Monika Helfer sein?“ Keiner reagiert. Damit ist diese Vermutung wohl nicht zutreffend. Die Gespräche dehnen sich aus. Die Zeit in der das Buch verfasst wurde ist der größte Streitpunkt. Ist es wirklich so zeitgenössisch, dass es erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst wurde? Daraufhin schaltet sich Stefania selbst ein. „Das ist ein klares Nein. Und auch ein Grund warum ich dieses Buch ausgewählt habe. Es wurde 1936 verfasst.“ Verblüfftes Schweigen. Hubert Dragaschnig ergreift das Wort und gibt zu, dass er die Autorin bisher auch nicht gekannt habe. Demnach weiß er wohl Bescheid. Sie sei eine „unbekannte Autorin“. Nochmals ein Zwischenruf. „Anna Freud?“ Stefania Pitscheider Soraperra lacht. “Anna stimmt“ Der Nachname ist mit dann auch bald erraten. Typisch Österreich, nur anders geschrieben. „Gmeyner“ nuschelt eine Dame. Das ist richtig. Hubert Dragaschnig wirkt überrascht und fragt in die Runde „Also ist Anna Gmeyner bekannt?“ Einige Köpfe nicken. Er nickt anerkennend, setzt sich und übergibt Stefania das Wort.

Es geht um das Buch „Manja: ein Roman um fünf Kinder“ von Anna Gmeyner. Stefania Soraperra Pitscheider gibt eine kurze Zusammenfassung über das Buch und die Autorin. Das Buch wurde 1936 verfasst, 1938 veröffentlicht, jedoch in London als Werk der Exilliteratur. Sie findet die Weltoffenheit von Anna Gmeyner faszinierend und bezeichnet ihren Schreibstil eindeutig „der damaligen Zeit voraus“. Es herrscht anerkennendes Schweigen im Raum, da mit den Vorschlägen für die Zeit doch so viele weit daneben lagen. Doch warum hat sie genau dieses Buch ausgewählt?

 

Doch irgendwas hat an der
ganzen Sache nicht gestimmt.

Zufall. Das Buch sei nur ein Geschenk gewesen und als sie es zu lesen begonnen hatte, konnte sie es nicht mehr weglegen. Die interessante Sprache und der Verlauf der Geschichten im Buch seien fesselnd und würden zum Nachdenken anregen. „Doch irgendetwas hat an der ganzen Sache nicht gestimmt“, erzählt sie. Und nach langen Recherchen zu Anna Gmeyner war sie sowohl von Ihrem Leben als auch von der modernen Schreibart fasziniert.
„Zusätzlich hat das Buch mich im Herzen berührt und ich finde Anna Gmeyner spricht da indirekt ganz aktuelle Themen an“, bestätigt sie.

Ein Gourmetmenü begleitet den Abend.

Als Leiterin des Frauenmuseums erwartet man eine gewisse Haltung gegenüber der Gesellschaft und Stefania Pitscheider Soraperra spricht diese „heiklen“ Themen wie Gleichberechtigung und den Stand der Frau in der Gesellschaft ganz offen an. Ich bemerke gerunzelte Stirnfalten auf den männlichen Gesichtern. Das Thema scheint unangenehm. Ein Mann wirft eine harte Kritik an dem „angeblich so modernen“ Schreibstil ein.

Keine Kommentare. Stefania Pitscheider Soraperra wirkt dem plötzlichen Schweigen freundlich entgegen und beantwortet weitere Fragen. Bei den Gesprächen gibt es nicht nur positive Worte, auch Kritik und Anmerkungen zum Buch werden diskutiert, doch viele Einwände hängen eindeutig vom persönlichen Geschmack ab. Und wer kann es Stefania Pitscheider Soraperra vorwerfen, uns ihren persönlichen Geschmack zu erläutern, dafür wurde sie ja immerhin eingeladen. Diese Abwechslung von Lesungen, lockeren Gesprächen, ernsthaften Diskussionen und Essen schafft eine gemütliche und intime Stimmung und nimmt auch mich, als unerfahrene und junge Literaturinteressierte, in den Kreis von gestandenen Autoren und Literaten auf.

Nachdem nun alle Geheimnisse, der Titel, die Autorin und die Geschichte hinter dem Buch offengelegt sind, liest Stefania Pitscheider Soraperra nochmals ein paar Zeilen vor und der Abend klingt mit einer heiteren und gesprächsintensiven Stimmung langsam aus. Leute bedanken und verabschieden sich. Kellner werden bezahlt. Sowohl geistig als auch körperlich gesättigt und zufrieden trete auch ich den Heimweg an. Ein rundum gelungener Abend. Nichts für den kleinen Geldbeutel, aber dafür mit ausgezeichneter kulinarischer und literarischer Begleitung.
Eva Horn

Hören Sie rein

von Sofia Pitscheider Soraperra | Manja: Ein Roman um fünf Kinder (Anna Gmeyner)