Flaschengeister
Ein Spaziergang durch Imst auf der Suche nach dem Inhalt leerer Flaschen

Speziell aufbereiteter Sand, praktikabel geformtes Glas, unterschiedlich gefüllte Verpackung
oder auch einfach die Flasche – ein scheinbar banales Alltagsobjekt, das nicht aus unseren
Leben wegzudenken wäre. Wenn wir nur auf das Äußere achten und der Inhalt unwichtig wird,
was bleibt, außer ein modelliertes Stück Glas?

 

Eine Reportage von Anna Neuner

Kann die Flasche einen Geist haben? Keinen Genius, sondern eine Seele, eine Geschichte, eine Metapher, eine Bestimmung, die dem Auge verborgen bleibt? Manch einer wird sagen – trivial. Doch mir sind Alltagsobjekte nicht egal. Auf der Suche nach dem Besonderen im Alltäglichen und mit der Neugierde nach dem Inhalt einer leeren Flasche wandere ich durch unsere Wohnung. Achtzig Quadratmeter, drei Bewohner und die Entscheidung, mich auf Glas zu beschränken. Ich finde Wein in der Abstellkammer, Hustensaft in der Hausapotheke, Olivenöl im Küchenschrank – die alltäglichen Dinge eben, bei denen der Inhalt im Vordergrund steht. Als ich jedoch mein eigenes Zimmer betrete, eröffnet sich eine Flaschengoldgrube und mit den einzelnen Glasstücken kommen die Erinnerungen: der schönste Tag in meinem Leben, ein Weltcuprennen und die erste große Liebe, die Zeit in Portugal und die Flaschenpost an Mama. Elf aus sechsundsiebzig. Das kann nur bedeuten, dass es noch vieles mehr zu erfahren gibt.

80 Quadratmeter, 76 Flaschen und 11 Geschichten

Donnerstags um halb Zehn am Morgen ist es ruhig auf den Imster Straßen, auch heute. Ich höre nur meine Schritte und lasse den Blick lautlos durch die Gegend schweifen. Plan habe ich keinen, nur die Kamera im Rucksack und die Flasche im Kopf. Die Viertelstunde entlang Auf Arzill vergeht ohne auch nur eine Flasche gesehen zu haben, nicht einmal im Mülleimer, den meine Augen verzweifelt absuchen. Meine Füße tragen mich über den Stadtplatz in Richtung Stadtzentrum, das keines mehr zu sein scheint. Die Kramergasse ist ein ziemlich verlassener Ort geworden, vor allem jetzt im Winter, wenn keiner den Gehsteig entlang schlendert, um sich eine Kugel Eis zu kaufen. An den letzten vorhandenen Kleiderläden und leerstehenden Geschäftslokalen vorbei, lande ich vor einem Schaufenster im Würtembergerhaus voller Antiquitäten und finde meine erste Flasche. Eingang gibt es keinen, aber einen Namen mit Telefonnummer.

Siphonflasche in einem Schaufenster im Würtembergerhaus

„I woaß iatz leider gar nit, was da in dem Schaufenster für a Flasche steaht.“ Sie ist blau und hat einen besonderen Verschluss, der aussieht wie ein Brunnen, den man pumpen muss. Mit meiner vagen Beschreibung erinnert sich Erich Perwög an das blaue Ding und erzählt mir, dass es sich dabei um eine Siphonflasche handelt. Diese wurden früher in Wirtshäusern benutzt, um Wasser mit Kohlendioxid zu versetzen und dienten damit der Sodaherstellung. Eine persönliche Geschichte dazu gibt es nicht, außer der Sammelleidenschaft für Antiquitäten. Ich bedanke mich, gehe wenige Schritte und öffne die große Holztür der Johanneskirche. Eine klassische Flasche finde ich nicht, jedoch liegt vorne in der Fastenkrippe ganz unscheinbar eine kleine Tonflasche. Solche irdenen Gefäße waren wohl der Beginn einer jeden modernen Flasche. Sie kann irden, gläsern, aus Plastik oder sogar aus Metall sein – doch ich konzentriere mich heute auf die aus Glas. Am Weg hinaus streift mein Blick ein kleines Regal und ein Buch fragt mich: Wohin? Wir werden sehen.

Irdene Flasche in der Fastenkrippe

Ein Buch in der Johanneskirche fragt: Wohin?

Das nächste Schaufenster vor dem ich Halt mache, gehört zu Connys Ladele. Dort sehe ich einige Flaschen, öffne die Ladentüre und sehe mich um. Cornelia Absmann verziert sie selbst, nur Laser hat sie keinen, die Gravuren lässt sie machen. Auf die Frage nach einer Flasche, die ihr etwas bedeutet, erzählt sie mir von einer, die sie nicht im Laden hat – die erste Trinkflasche ihrer Tochter. Das Mädchen ist mit einer schweren Darmkrankheit geboren und musste lange künstlich ernährt werden. Mit einem Jahr hat es seine erste Trinkflasche bekommen, aus der das Kleinkind erstmals selbständig getrunken hat. „Ma vergisst’s immer wieder, aber des war echt was Bsunders.“ Mit einem bewegten Lächeln verlasse ich das Geschäft und spaziere weiter Richtung Oberstadt. Auf dem Weg finde ich am Gehsteigrand einen kleinen Scherbenhaufen – zerschelltes braunes Glas, dem Anschein nach eine zersprungene Flasche und ein einzelnes Stück mit einem Etikett der Brauerei Schloss Starkenberg. Soll das ein Wink sein?

Ein Wink vom Scherbenhaufen

Nach langem Umherirren stehe ich vor einer Apotheke, in der ich zuvor noch nie war und von deren Existenz ich nicht einmal wusste: die Gurgltal-Apotheke. Ich trete ein, höre ein paar Stimmen und nach kurzer Zeit kommt ein bekanntes Gesicht hinter den Apothekerschränken hervor – eine ehemalige Freundin, die ich auch mit einer Flasche in der Hand kennengelernt habe. Nadine Eisenbeutl und ihre zwei Kolleginnen, Gertrud Gehrer und Claudia Neururer, zeigen mir die verschiedenen Apothekerflaschen, erzählen, welchen Qualitäten sie gerecht werden müssen und welche Besonderheiten sie haben. Die Medizinflaschen sind immer braun, um Lichtschutz zu gewährleisten. Zudem müssen sie abhängig von der beinhalteten Flüssigkeit säure- und alkalifest sein, da sich keinesfalls Glasteile durch die jeweilige Chemikalie herauslösen dürfen. Ebenso besonders sind die Glasstöpsel, welche perfekt passen und damit luftdicht abschließen. Eine Stunde und viele interessante Fakten später schicken mich die drei Damen auch noch in die Stadtapotheke, da die Flaschenanzahl dort größer sei. Dort zeigt mir der Chef, Gernot Moser, jedoch nicht nur den Arzneiraum, sondern auch noch ein altes Fläschchen mit Totenköpfen und der Aufschrift „Gift“, welches heute nicht mehr leicht zu finden ist. Im Gespräch erzählt er noch von großen Flaschen, die oben im Schuppen stehen. Er holt den Schlüssel, wir verlassen das neugebaute Apothekengebäude durch den Hinterausgang und gehen den Hügel hoch. Hinter der Holztür verbergen sich drei große, verstaubte Flaschen, aufbewahrt in Körben, gebettet in Stroh. Herr Moser entdeckt auch noch drei kleinere Relikte der ehemaligen Alpendrogerie, welche ebenso in Familienbesitz war. Die Drogerie existiert zwar schon lange nicht mehr, den Weg weisen mir die Flaschen trotzdem – im alten Geschäftslokal graviert und verkauft heute Belinda.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Imster Apothekenflaschen

Geschenkte alte Weinflasche

Belinda Huber selbst ist nicht da, aber ihre Kollegin Mihaela Jahn zeigt mir eine fast fünfzig Jahre alte Weinflasche, die sie vor einigen Jahren von ihrem ehemaligen Vermieter im Haus gegenüber geschenkt bekommen haben. Die Flasche wurde mit dem Versprechen angenommen, sie nur gemeinsam mit dem Hausherrn zu leeren und wurde dann für einige Zeit originalverschlossen als Schaufensterdekoration benutzt. Wie aus Geisterhand ist der Inhalt der Flasche aber immer weniger geworden, einfach verdampft, ohne den edlen Tropfen mit jemandem geteilt zu haben. Frau Jahn glaubt, mittlerweile Weinessig in der Flasche zu haben. Da kann man nur empfehlen, den lieben Herrn auf einen frischen Salat mit wohlgereiftem Dressing einzuladen. Der würde mir auch gerade recht kommen, mein Bauch knurrt und instinktiv bewegen sich meine Füße Richtung Interspar.

Viele von unseren Kunden kaufen Sirup in Flaschen und benutzen diese nach Verwendung als Trinkflaschen. Glasflaschen sind für mich ein Beitrag zum Umweltschutz.

Mihaela Jahn

Ich stehe vor den Getränkeregalen, hunderte Flaschen in verschiedensten Formen und Farben und ganz hinten zwischen den Regalen ein Automat. Darüber steht in großen Lettern „Flaschenrückgabe“ und ich frage mich, wie es wohl auf der anderen Seite der Mauer aussieht. Zufällig kommt gerade der Chef, Hans-Jörg Schuth, vorbei und führt mich zur Rückseite des Automaten. Das System ist relativ simpel: Unten kommen die vollen Kisten durch den Automaten, fehlt auch nur eine Flasche, wird die Kiste nicht angenommen und die restlichen Flaschen müssen einzeln im oberen Bereich eingegeben werden – dort natürlich mit dem Boden voraus, damit sie später auf dem Förderband stehen können. Im Automat befindet sich ein Gewichtssensor unter dem Transportband und eine besondere Kamera, die ein Bild der Flasche macht und dieses mit dem Datensatz im Computer vergleicht. Stimmen Bild und Daten überein, wird die Flasche angenommen, landet auf dem Förderband und wird händisch von einem Mitarbeiter in die Kisten einsortiert. In diesem Moment wird eine zweite Kiste voll, Herr Schuth schiebt sie zu der anderen auf den Lift und dieser fährt automatisch einen Stock tiefer. Wir nehmen die Treppe und sehen unten, welchen Weg die Kisten nehmen, bis sie wiederum händisch auf die Paletten gestapelt und von Lieferanten abgeholt werden – teils von der Sparzentrale, aber auch von regionalen Unternehmen wie der Brauerei Schloss Starkenberg, welche mein nächstes Ziel sein soll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weg der Pfandflasche

Genug spaziert, ab hinters Steuer und hoch zum Schloss Starkenberg. Fünf Minuten später stehe ich im Museumsshop des BierMythos und betrachte die Produkte des Hauses – diverse Biere, Whiskey, Schnaps, Likör und Essig abgefüllt in unterschiedlichste Flaschen. Andrea Stigger zeigt mir die verschiedenen Pfandflaschen und erzählt vom Abfüllprozess. Die Brauerei hat eine Kronenkorkenabfüllung, die einzelnen Bügelverschlussflaschen werden händisch abgefüllt und geschlossen. Nicht die modernste Mechanik, aber modern genug für das vorwiegend regional vertreibende Unternehmen. Rund 40.000 Hektoliter Bier werden pro Jahr produziert und abgesetzt, davon rund 60 Prozent in Flaschen. Von denen gibt es tatsächlich genug: die Gourmetflasche, die Edelflasche, die Thüringer Ringbandflasche, die standardisierte NRW-Flasche, einige Sondergebinde und bald auch die alte Euroflasche. Ein netter Herr führt mich noch durch die Räume der Abfüllanlagen und zeigt mir, wo die Flaschen gewaschen, abgefüllt, verschlossen, etikettiert und in Kisten gepackt werden. Neben der Flaschenwaschanlage ist ein großer Lichtkasten, mit dem Mitarbeiter sehen können, ob noch Schmutzrückstände in der Flasche sind – Steine, Müll oder Zigarettenstummel sind keine Seltenheit, machen die Pfandflaschen aber leider unbrauchbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abfüllprozess der Bierflasche

Und was passiert, wenn eine Pfandflasche nicht mehr benutzt werden kann? Sie wandert ins Altglas und damit in den Recyclinghof. In wenigen Minuten bin ich dort, schau mir die noch relativ leeren Glascontainer an und lass mir vom Leiter des Recyclinghofs, Martin Koler, den letzten Weg der Flasche erklären. Der ist relativ simpel: Leute bringen ihr Glas zum Hof, trennen in Weiß- und Buntglas, in etwa alle drei bis vier Wochen werden die Container von der Firma Swarco mit Sitz in Wattens abgeholt, dort grob nachsortiert und dann weitergeliefert an die Recyclingbetriebe. In den Glashütten wird dann altes Glas wiederverwertet, für die Glasherstellung kann allerdings nur 80 Prozent recyceltes Material verwendet werden. Das restliche Gemenge besteht aus Soda, Dolomit, Eisenerz, Quarz und Kalk. Nur ein Fünftel der Flasche ist also neu, die anderen vier bestehen aus tausenden geschmolzenen Scherben und jede einzelne davon hat ihre eigene Geschichte. Das scheint mir, ein schöner Abschluss zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Altglas am Imster Recyclinghof

Der Abend ist nah und die Dämmerung bricht an, als ich wieder nachhause fahre. Der Plan, den ich nicht hatte, hat sich ergeben. Die Kamera, deren Speicherkarte leer war, ist jetzt voll. Und die Flasche, die ich im Kopf hatte, wurde zu vielen. Mein Tag im Zeichen der Flasche ist vorüber und doch werde ich ab heute keine mehr als gewöhnlich ansehen. Wir kommen täglich mit tausenden von banalen Dingen in Kontakt, die das eigentlich gar nicht sind. Jeder noch so triviale Gegenstand hat einen Hintergrund, eine Geschichte oder eine Bestimmung, die es zu erfahren gibt. Wir müssen nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, bis wir auf den einen kleinen Scherbenhaufen stoßen, der uns den Wink gibt. Ich habe heute einige Geister geweckt, aber in all den Milliarden von Flaschen auf dieser Welt, warten bestimmt noch viele darauf, entdeckt zu werden und wer weiß, vielleicht sitzt in einer von ihnen dann doch noch ein Genius, der mir drei Wünsche schenkt.

 

 

 

 

 

Danke an alle, die mich Flaschengeister wecken ließen!

Erich Perwög, Cornelia Absmann, Nadine Eisenbeutl,
Gertrud Gehrer, Claudia Neururer, Gernot Moser, Mihaela Jahn,
Hans-Jörg Schuth, Andrea Stigger, Martin Koler