Der Literatur auf der Spur

 

Eine Reportage über die Vorarlberger Literaturszene

Ich lese. Mal mehr, mal weniger. In meinem Bücherregal stehen ungefähr sechzig Bücher. Fein säuberlich nach Größe sortiert. Da bin ich wohl Spießer. Doch Romane finden sich dort keine. Naja, vielleicht ein oder zwei. Und überhaupt Lesen findet bei mir nur in den eigenen vier Wänden statt. In meiner Reportage „Der Literatur auf der Spur“ werde ich Neuland betreten. Ich verlasse die wohlige Komfortzone meines Wohnzimmers und mache mich auf in die spannende Welt der Belletristik und Lesungen.

 

Eine Reportage von Daniela Tschögl

 

Montag 12. März, 10:35 Uhr. Ich starte mein Projekt, in die Welt der Literatur und Lesungen einzutauchen. Computer an. Ins Internet. Googeln. Siehe da, morgen findet eine Lesung in Bregenz statt. Eine szenische Lesung, „Lieben muss man unfrisiert“ von der Autorin Nadine Kegele. Hm, spannend, so irgendwie.

Ich stöbere durch ihre Webseite, lese nochmals die Beschreibung zur Lesung:

mit Ukulele und Gesang. Bin etwas verwundert, ich weiß nicht was mich da erwartet. Trotzdem bin ich neugierig und lasse mich ein auf das Abenteuer Literatur.

Dienstag 13. März, 19:07 Uhr. Ich sitze im Zug nach Bregenz, mit Kamera, Stift und Papier im Gepäck. Angekommen am Vorarlberger Landestheater lege ich meine Jacke an der Garderobe ab. Ich mache Fotos vom leeren Foyer.

In mitten des Raumes vier Säulen. Diese umrahmen den Platz auf dem Holzstühle für das Publikum aufgestellt sind. Vierzig an der Zahl. Davor das Podium mit dem Tisch für die Autorin. Rote Sofas auf der Seite vermitteln eine gemütliche, fast schon heimelige Atmosphäre. Lampen die bei den Sofas stehen, werfen ein goldenes Licht in den Raum. Perfektes Lese-Ambiente, denk ich mir. So langsam trudeln die ersten Zuhörer ein, vorwiegend Frauen. In Gruppen aber auch einzeln. Eine Handvoll männlicher Zuhörer ist auch dabei. Die meisten im Publikum sind um die fünfzig plus.

Manche unterhalten sich angeregt. Vier Damen in der Reihe vor mir, studieren einen Prospekt, auf dem die Autorin und das Buch abgebildet sind. Ich frage mich, ob die Damen öfters auf Lesungen gehen oder speziell wegen des Buches da sind. Während ich so durch die Reihe der Besucher blicke, amüsiert mich der Gedanke, dass ich mich ein bisschen wie ein bunter Hund fühle. Da ich offenbar so gar nicht in diese Runde passe. Eine kurzhaarige ältere Frau neben mir, bietet mir ein Bonbon an, aber ich lehne dankend ab. Auf meine Frage ob sie öfters solche Veranstaltungen besucht, antwortet sie, es wäre ihre erste Veranstaltung. Bei mir auch. Es ist soweit und die Leiterin des Vorarlberger Literaturhauses, Ulrike Längle betritt das Redner Pult. Sie wirkt sehr routiniert und stellt Nadine Kegele vor. Die Autorin hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert. Außerdem arbeitete sie als Sekretärin, Finanzassistentin und Medienplanerin und gibt Schreibkurse. Das Buch von Nadine Kegele ist eine Hommage an das Buch „Guten Morgen, du schöne“ von Maxie Wander. Es folgen Rezensionen und der Titel des Protokollbandes „Lieben muss man unfrisiert“. Nun betritt Nadine Kegele die Bühne. Sie wirkt sympathisch. Dunkle, grau-melierte Haare mit dunkler Brille. Eine schwarz-weiß gestreifte Bluse, graue Socken über die Hose gestülpt und rote Schuhe. Die Zuhörer klatschen. Lebendig beginnt sie die erste Geschichten aus ihrem Buch zu lesen, als ob sie erzählen würde. Ihre Stimme ist angenehm und fesselnd. Sofort entstehen Bilder in meinem Kopf. Die erste Geschichte handelt von einer jungen Frau aus Wien. Sie wird in der U-Bahn sexuell belästigt. Ein Mann masturbiert hinter seiner Aktentasche. Ein Vorfall den die junge Frau verstört. Sie meldet es später den Wiener Linien und fragt sich, ob sie nicht den Notruf betätigen hätte sollen.

Die Autorin zieht einen grünen Schal an und drapiert ihn sich als Kopftuch. Ein Lachen geht durch die Reihe der Zuhörer. Die Geschichte handelt von einer muslimischen Frau. Sie muss sich immer wieder rechtfertigen, ob sie als Kopftuchträgerin auch feministisch sein kann.“…besitze ich nicht den Luxus, unfeministisch sein zu dürfen, ich muss geradezu feministisch, weil sonst gelte ich als unterdrückt“. „Eine Österreichische Frau gilt nie als unterdrückt“. Und ob die westlichen Werte nicht mit ihrer Religion in Konflikt stehen. Die Geschichten der Autorin gehen nahtlos in einander über. Als die Autor Lippenstift aufträgt, fragt jemand aus dem Publikum ob sie sich schön mache. Es folgt die nächste Geschichte einer Transgender-Frau und ihrem langen Leidensweg. Die Autorin schildert die Schwierigkeiten die damit verbunden sind. Das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft wird thematisiert. Dann holt die Autorin ein Stück Brot aus ihrer Tasche und beißt ab. Die Zuhörer lachen. Die Geschichte handelt von einer Frau, die ihr Mutter-dasein hinterfragt. „Wenn jemand wissen will, wie das ist, ein Kind zu bekommen, sage ich immer: Wie einen Brotlaib scheißen – es ist eigentlich gar nicht möglich“. Sie schildert die unschönen Seiten des Alltages mit Kindern, oft ein Tabu-Thema über die sich sonst keiner sprechen traut.

Langsam werden ein paar Zuhörer in der Reihe vor mir unruhig. Eine Dame blickt leicht entnervt zu einer anderen. Die Lesung dauert ihnen offensichtlich zu lange. Die Autorin steht zwischenzeitlich auf und zieht ihre rote Ukulele hervor. Sie erklärt, sie spiele ohne Noten und habe ohnehin schon lange nicht mehr gespielt. Dann singt sie ein paar Zeilen aus der nächsten Geschichte.

Donnerstag 16. März, 10:55 Uhr. Ich biege um die Ecke, am Kaffeehaus vorbei. Der Himmel ist noch leicht bedeckt. Einige chromfarbene Stühle sind am Marktplatz in Dornbirn aufgestellt. Ein brauner, kleiner, runder Tisch auf dem Bücher gestapelt sind steht davor. Dahinter ein alter Kaffeehausstuhl. Schilder des ersten Österreichischen Vorlesetages sind angebracht. Unterstützt wird dieser vom ORF.

Die Szenerie wirkt auf mich ein wenig verlassen. Doch nach und nach werden die Stühle belegt. Ein Mann in dunkler Jacke setzt sich in die erste Reihe. 11 Uhr, die Kirchenglocke ertönt. Die Lesung beginnt. Ein Mann, Mitte fünfzig, in Jeans und schwarzem Pullover setzt sich auf den Stuhl vor die Zuhörer. Mit angenehmer Stimmer stellt er sich vor. „Ich bin Rüdiger Wenk, die Eine oder der Eine hat mich vielleicht schon mal im Radio gehört….diesmal darf ich Texte vorlesen aus diesem schönen Buch –Zusammen sind wir weniger allein…“. Er erzählt wie er selbst zur Leserei gekommen ist. Als kleiner Bub in der Stadtbücherei in Lindau. Die zunächst unheimlich erscheinende Bibliothekarin, eröffnete ihm eine ganz neue Welt. Die Welt der Bücher. „Wer liest macht sich die Welt zu eigen“ sagt Rüdiger Wenk. Ein wunderbarer Satz der mich zum Lächeln bringt. Er beginnt aus dem Buch vorzutragen. Ein Auszug aus dem -noch nicht veröffentlichtem Text- „Warum und wie man Krimis schreibt“ von Susanne Wiegele. Ich bin fasziniert von der Geschichte. Passanten laufen vorbei. Einige bleiben verwundert stehen. Lauschen eine kurze Zeit. Dann gehen sie weiter. Der zweite Auszug ist aus dem Roman „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder. Eine kurzhaarige Frau kommt dazu. „Schön, dass sie sich setzten“ sagt Rüdiger Wenk und fährt weiter fort im Text. Mysteriöse, weiße Umschläge landen im Briefkasten der jungen Sophie Amundsen. Diese Briefe stellen Fragen. Wer bist du? Woher kommt die Welt? Eine philosophische Geschichte über die Fragen des Lebens. Ich lausche der Lesung bis zum Ende. Rüdiger Wenk gibt den Zuhörern noch etwas mit auf den Weg. „Geben sie die Begeisterung für das Lesen weiter und machen sie sich -in der heutigen Welt- eigene Gedanken um nicht zu ver-twittern“. Ein eigentümliches Wort und doch so passend.

Donnerstag 16. März kurz vor 20 Uhr. Es ist dunkel als ich durch die Stadt Feldkirch laufe. Wenige Stufen hinunter. Schon bin ich mitten im Theater am Saumarkt. Drei Frauen sitzen an der Bar. Es wird geplaudert und gelacht. Die Frau hinter der Bar schenkt ein Glas Wein ein. Die Atmosphäre ist locker.

 

Ich gehe an die Bar. Bestelle ein Glas Rioja, nippe und sehe mich um. Ein junger Mann mit Hut und gestreiftem Shirt steht etwas abseits. Ein älterer Herr mit Schnauz unterhält sich mit Hans Platzgumer, dem Autor des Abends. Wenig später nehme ich auf meinem Sitz platz. Die Moderatorin, Frau Marie Rose Rodewald-Cerha, betritt die Bühne. Sie stellt Hans Patzgumer vor. Er ist in Innsbruck geboren, hat früh begonnen Gitarre zu spielen und studierte am Konservatorium in Innsbruck und Wien. Seit 1999 schreibt er vermehrt Musik für Theater und Hörspiele. Sein Erster Autobiographischer Roman erscheint 2005. „Die Reise eines Underground-Musikers in 540 KB“. Heute liest er aus seinem neu erschienen Roman „Drei Sekunden jetzt“. Der Autor betritt die Bühne. Die Zuhörer blicken gespannt auf das Geschehen. Eine kurze Einführung in das Buch beginnt. „Es geht um das Geworfen-sein in diese Welt, in dieses Leben das wir alle zu ertragen haben, diese Menschenpflicht die wir alle teilen.“ Er rückt das Mikrofon zurecht. „Dieses Leben anzunehmen, dass wir alle –aus irgendwelchen Gründen bekommen haben…etwas das offensichtlich, augenscheinlich keinen Sinn hat, müssen wir mit Sinn erfüllen…diese Aufgabe übernimmt in diesem Roman für mich ein Findelkind, das sich Francois nennt“.

 

 

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir es dann? Damit es uns glücklich macht?“

-Franz Kafka-

Das Licht auf der Bühne wird gedimmt. Der Autor liest eines der Zitate, die dem Buch vorangestellt sind. Durch dieses habe er überhaupt erst begonnen das Buch zu schreiben. Es ist aus dem Buch der Kirschgarten von Anton Tschechow. „Ich weiß nicht wie alt ich bin und habe immer das Gefühl ich bin jung, woher ich komme, wer ich bin, wer meine Eltern waren, ich weiß nichts…“. Eine gewisse Melancholie und Narrenfreiheit stecke in diesem Zitat, so Hans Platzgumer. Die Erzählung beginnt in Marseille. Das Findelkind nennt sich Francois. Er weiß nicht wer er ist. Aber das er nicht verloren gehen soll hat er verstanden. Er begegnet Lucy, wie er ein Findelkind. Sie ist temperamentvoll, auch in ihrer Ausdrucksweise. Dies betont der sehr deutlich, während er liest.

Im nächsten Kapitel trifft der Protagonist auf einen alten Schulkameraden. Le Boche. Eine zwielichtige Person die Francois eine Stelle im Hotel anbietet. An dieser Stelle endet die Lesung, es bleibt spannend. Hans Patzgumer bedankt sich. Das Publikum klatscht. Im Foyer signiert der Autor noch Bücher und unterhaltet sich mit einigen der Zuhörer.

Samstag 17. März, 19:50 Uhr. Ich sitze in der ersten Reihe. In Mitten von Unterhaltungen und Stimmen Wirrwarr. Musik tönt aus den Boxen. Ich beobachte die Szenerie. Nach und nach füllt sich die Kantine im Spielboden in Dornbirn. Es ist Poerty Slam. Neben mir sitzen mehrere junge Frauen, jede mit einem Getränk in der Hand. Besucher stehen an der Bar und unterhalten sich angeregt. Lachen. Nippen an Getränken. Die Poeten des Abends sitzen an einem langen Tisch. Einer schreibt hektisch in sein Buch. Andere unterhalten sich und trinken Bier.

Es ist acht Uhr, als die Moderatoren zu den Mikros greifen. Die Regeln des Poetry Slams werden erklärt. Sechs Minuten Zeit zu slamen. „Respektiert die Poeten“ sagt Joe, einer der Moderatoren. Aus dem Publikum werden Freiwillige Jurymitglieder gewählt. Mit Kreidetafeln für die Wertung ausgestattet. Der Hauptmoderator kündigt den ersten Poeten an. Das Opferlamm. Dieser tritt außerhalb der Wertung auf. Applaus aus dem Publikum, wenn auch noch etwas verhalten. Bühne frei für Aaron. Er trägt seinen Text vor. „Büroklammern klammern, sie wollen das Blatt nicht freigeben…Sie klammern und klammern, immer auf der Suche nach Planungssicherheit“. Eine Hand in der Hosentasche, in der anderen den Text. Die Zeit ist um. Das Publikum applaudiert. Joey ist der nächste. Dunkle Kleidung. Schwarze Mütze. Sein Vortragen noch etwas zögerlich. Doch dann Applaus. Fabian betritt die Bühne. Er stellt sich vor. Und reimt seinen Text. „Die Zeit sie läuft, nein sie rennt, es hallt das Ticken in deinem Kopf, wie im inneren eines Uhrwerks.“ Er blickt ins Publikum. „Du möchtest Schritt halten, nichts verpassen, in die große weite Welt um alles zu entdecken…“. Die Zeit ist um.

Die erste weibliche Poetin betritt die Bühne. Katja. Ihr schwarzes Buch in der Hand. Mit der anderen gestikuliert sie. Es ist ihr erster Auftritt vor Publikum. Das merkt man ihr nicht an. Luna ist die nächste Poetin in dieser Runde Ihre Stimme ist ausdrucksstark und sicher. Es folgt Ivica aus dem Allgäu. Er rockt die Bühne. Wortgewaltig. „Die Liebe ist eine Romantikerin, ich schreibe ihr einen Brief“. Ein Brief so verdammt romantisch, dass Romeo und Julia wie ein verdammter Poerty Slam wirkt“. Ein Lachen geht durch das Publikum. „Ein Brief so verdammt kitschig, dass sich Lionel Richie im Grab umdreht…aber als er vom Brief hört, begeht er Suizid, weil er niemals so etwas kitschiges schreiben kann“.

Begeisterung und Pfeifen aus dem Publikum. Seine Worte kommen an. Schließlich geht er als Sieger aus dem Wettbewerb der Poeten hervor. Was für ein spannender Abend, denk ich mir. Ziehe meine Jacke an und Ich gehe nach Hause.

Sonntagvormittag, 10 Uhr. Mein Projekt in die Welt der Literatur einzutauchen ist zu Ende. Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich habe eine spannende Woche hinter mir. Was hat mich besonders beeindruckt? Welche neuen Erkenntnisse habe ich gewonnen?

In der letzten Woche bin ich mit unterschiedlichen Büchern in Berührung gekommen. Bücher die ich sehr wahrscheinlich nie gelesen –geschweige denn gekauft hätte. Das Buch vom ersten Österreichischen Vorlesetag ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es ist eine bunte Sammlung aus unterschiedlichen Büchern, die von Österreichischen Autoren stammen. Ich habe Gefallen daran gefunden. Zwei Tage später habe ich es mir bestellt. Auch die Szenische Lesung fand ich amüsant. Eine ganz neue Erfahrung, so außerhalb der wohligen Komfortzone. Ich habe entdeckt, dass Lesungen einen besonderen Charakter haben. Eine angenehme Atmosphäre, in der ich mich auf die Geschichten einlassen konnte.

Auch wenn mir letztendlich nicht alle Lesungen zugesagt haben, bin ich froh mich auf das Abenteuer Literatur eingelassen zu haben. Es ist wie ein neues Buch, ich habe die erste Seite aufgeschlagen und bin gespannt was die nächsten Kapitel für mich bereit halten.